Sei ein Mensch!

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Sei ein Mensch!

Zum 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, ruft Pfarrer Frank Schulte in seiner WZ-Kolumne dazu auf, sich der deutschen Schuld ehrlich zu stellen und daraus eine menschliche Haltung für die Gegenwart zu entwickeln.

Am 27. Januar gedenken wir. Wir erinnern uns, denken über die Vergangenheit nach. Stellen uns unbequemen Wahrheiten. Vor 81 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. „Wir gedenken der Entrechteten, Gequälten und Ermordeten: der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen verschleppter Slawen, der … Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte“, so hat es der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert einmal formuliert.

Wer gedenkt, sich erinnert, bricht mit der Zwangsläufigkeit alter Muster.

Es geht um Schuld, um Mord, um schreckliche Dinge, die von Deutschen begangen wurden. Ja, ich weiß, andere Menschen waren auch schlecht zu anderen. Und es ist auch nicht egal, was andere tun. Aber in diesem Fall hilft es nicht abzulenken, zu relativieren oder wegzulaufen. Es hat etwas mit Reife, Erwachsensein und innerer Haltung zu tun. Wer gedenkt, sich erinnert, bricht mit der Zwangsläufigkeit alter Muster. Wir sagen: Deutsche haben das getan! Und gleichzeitig sagen wir: Es musste nicht so kommen und es soll nie wieder so kommen. Wir sagen: Wir gehen andere Wege.

Gedenken als erwachsene Haltung

An Gedenktagen stellen wir uns der Schuld. Nicht weil es heutige Schuld ist, sondern weil deutsche Taten Folgen hatten. Weil Menschen diesen Irrwegen und diesem Irrsinn zum Opfer gefallen sind. Darum bitten wir um Vergebung. In der Hoffnung, dass Vergebung möglich ist. Wir brechen damit mit diesen Irrwegen und stellen uns an die Seite der Opfer, um eine bessere Gegenwart zu ermöglichen, zu leben und zu gestalten.

Das hat nichts Depressives, sondern ist zutiefst hoffnungsvoll und erwachsen. Wir wollen gut leben, alle sollen gut leben und dazu müssen wir uns dem stellen, was nicht gut war. Und es auch beim Namen nennen. Dazu sind Gedenktage da.

Die Irrwege der Kirche

„Wir sind in die Irre gegangen“, so haben Christen nach dem Krieg bekannt und dann haben sie so einige Irrwege der Kirche aufgezeigt und benannt. Der 27. Januar ist ein Gedenktag, an dem wir als Christen in dieser Stadt vielleicht doppelt beschämt an die Vergangenheit erinnern. Es reicht ja eigentlich schon, ein anständiger Mensch zu sein, um bei Verfolgung und Massenmorden zu wissen, dass das nicht geht. Dafür braucht es keine höhere Einsicht und keinen besonderen Glauben. Sei ein Mensch, das reicht!

Es ist unendlich beschämend, dass die Mehrheit der Christen damals in Deutschland schuldig geworden ist.

Es ist unendlich beschämend, dass die Mehrheit der Christen damals in Deutschland schuldig geworden ist. Nicht alle, aber die große Mehrheit. Obwohl sie es als Menschen und als Christen von ihrem Glauben her besser wissen mussten. Es ist beschämend zu sehen, dass damals nicht gesehen wurde, dass wir Christen dem Gott Israels folgen, dass an Weihnachten Gott jüdischer Mensch wurde, dass ein jüdischer Mensch am Kreuz starb und dass wir Christen unsere Hoffnung auf einen jüdischen Auferstandenen setzen.

Christen, Juden und der Gott Israels

Gedenken heißt auch, diese Schuld zu sehen und sich zu erinnern, dass wir in die Irre gegangen sind. Wir Christen haben diesen Irrsinn, der dann folgte, ermöglicht und auch mitgemacht. Und genau deshalb ist das Gespräch zwischen Juden und Christen keine kleine Sache.

Als Christen folgen wir dem Juden Jesus von Nazareth. Das ist keine kleine Sache, das ist die Grundlage unseres Glaubens.

Wir hängen mit allen jüdischen Menschen und den Menschen dieser Welt an der Hoffnung auf den Gott Israels. Wir beten zu dem, was wir kennen (dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs), denn das Heil kommt von den Juden (Johannes 4,22). Als Christen folgen wir dem Juden Jesus von Nazareth. Das ist keine kleine Sache, das ist die Grundlage unseres Glaubens oder es ist kein christlicher Glaube. So sehe ich das, denn ich bin auch einer, der mit dem Jesus von Nazareth verbunden ist.


WZ-Kolumne von Frank Schulte, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Gemarke-Wupperfeld

Der Text ist bereits erschienen in der WZ Wuppertal vom 23. Januar 2026.


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